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Artikel ‘Mord vor den Augen der Tochter’

Sie ist ein hübsches junges Mädchen. Endlich huscht wieder ein Lächeln über ihr Gesicht, ihre Augen blicken nicht mehr unendlich traurig. Die 24jährige Senta Karasch hat Furchtbares erlebt – und hat es verarbeitet! Sie war Augenzeugin, als ihr Vater auf ihre Mutter einstach. Sie musste den Tod ihrer 47 Jahre alt gewordenen Mutter Beate verkraften. Musste damit fertig werden, dass ihr 58jähriger Vater im Gefängnis sitzt.

Nach einer Psychotherapie sieht die damals 18jährige Senta heute die schreckliche Bluttat mit ganz anderen Augen.

 

Wie alle Familientragödien, so hat auch diese eine Vorgeschichte. Sie wurde aufgerollt, als sich Sentas Vater Siegfried Karasch als Mörder vor einem Schwurgericht verantworten musste.

Es ging um eine Ehe, um seine, die nicht mehr glücklich war. Daher kam auch sehr Privates zur Sprache: Dass sich der 58jährige bereits seit 14 Jahren wegen psychischer Störungen in ärztlicher Behandlung befand. Dass er – so wurde jedenfalls vermutet – krank geworden ist, weil sich seine Frau ihm jahrelang sexuell verweigert hat. „Dadurch“, so die Erkenntnisse der Richter, „steigerte sich der Angeklagte in die wahnhafte Vorstellung, seine Frau hätte einen jüngeren Liebhaber“.

 

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Senta lebte noch bei ihren Eltern, sie bekam die zermürbenden Streitereien hautnah mit. So war es auch an jenem 2. Montagmorgen im November kurz nach 06:00 Uhr. Sie wachte durch die lautstarken Auseinandersetzungen im Elternschlafzimmer auf.

Senta sprang entnervt aus dem Bett, riss die Schlafzimmertür auf – und erstarrte. Diesmal war der Streit ernster. Ihr Vater hielt ein Messer in der Hand, die Mutter schlug ihm aus Angst ein Staubsaugerrohr auf den Kopf. Sie wollte ihn einschüchtern und abwehren. Doch das stachelte Siegfried Karasch nur noch um so mehr an. Er sprang mit einem Satz auf seine Frau zu, holte aus und stach zu.

Dreimal drang die Klinge in den Körper der 47jährigen ein. Der erste Stich ging knapp am Herzen vorbei. Der zweite zerfetzte den Dünndarm. Der dritte endete nach dem Durchdringen der Bauchdecke neben dem Nabel im Magen.

 

Senta rannte zum Telefon und wählte den Notruf: „Schnell, schnell, mein Vater hat meine Mutter erstochen! Bringen Sie auch die Polizei mit!“ Eine Viertelstunde später waren die Sanitäter da. Über zwei Stunden kämpften sie noch um das Leben von Beate Karasch, leider vergeblich. Das Opfer erlag seinen schweren inneren Verletzungen.

Der Vater wurde in Handschellen abgeführt. „Ein Bild, das ich nie vergessen werde“, sagt die Tochter. Sie stand unter Schock. Kam für vier Tage ins Krankenhaus zur stationären Behandlung.

Eine anschließende 6-monatige Psychotherapie half dem Mädchen bei der Krisenbewältigung. Seit es die Behandlung abgeschlossen hat, sieht es die schreckliche Bluttat mit anderen Augen.

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„Von meinem Vater wollte ich nach der Tat nichts mehr wissen“, sagt Senta. „Seit der Therapie denke ich anders. Papi braucht mich, er hat sonst niemanden. Und er braucht dringend qualifizierte Hilfe. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ohne die Hilfe der Therapeuten hätte ich ihm nicht verzeihen können“.

Das tat sie schon im Gerichtssaal. 7 Monate nach dem Verbrechen. Es war ein beklemmender, gleichzeitig bewegender Moment als die Zeugin im Juni vor’s Schwurgericht trat. Die Richter wollten von ihr hören, was sie über die Ehe ihrer Eltern wusste.

„Die wird ihrem Hass freien Lauf lassen“, flüstere eine Zuschauerin der Nachbarin ins Ohr. „Wie konnte der Vater ihr das bloß antun! Vor den Augen des Kindes die Mutter töten!“ Empörung und Abscheu schwangen durch den vollbesetzten Zuhörerraum.

 

Doch Senta benahm sich anders als von allen erwartet. Mutig schaute sie links zum Angeklagten rüber, ihrem Papa Siegfried. Lächelte ihm aufmunternd zu, hob die rechte Hand bis in Nasenhöhe, bewegte die Finger auf und nieder. Papa verstand und grüßte schüchtern auf dieselbe Weise zurück.

Von Sentas Aussage hing eine Menge für ihn an. Viele Jahre Gefängnis, mehr oder weniger. Wie hatte er sich nach der Tat verhalten, eiskalt? Hat er gelacht? Das Messer – die Tatwaffe – vom Blut des Opfers gereinigt? Ist er auch auf seine Tochter losgegangen, um sie als Augenzeugin zu beseitigen? Wie oft haben sich die Eltern gestritten? Jeden Tag? 1 x in der Woche? 1 x im Monat? Hat er der Mutter schon mal angedroht, sie zu töten?

„Nein“, wandte sie sich an die Richter und blickte danach den Oberstaatsanwalt an. „Von mir erfahren Sie nichts. Ich sage Ihnen nichts über die Ehe meiner Eltern. Ich verweigere die Aussage“.

 

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Dabei hätte Senta einiges zu erzählen gewusst: Dass Papa schon seit 13 Jahren Frührentner ist. Dass er sich vor 14 Jahren wegen psychischer Defekte in ärztliche Behandlung begab, weil er glaubte, die Mutti würde ihn mit einem jüngeren Liebhaber hintergehen.

So war es auch in der Tatnacht. Wieder ging es bei dem Streit ab 04:00 Uhr früh um den großen Unbekannten. Die Tochter zog sich die Bettdecke über’n Kopf, schlief wieder ein. Bis morgens früh gegen sechs Uhr alles wieder von vorne anfing. „Ich habe meinem Papa verziehen. Dabei bleibt es. Über die Ehe meiner Eltern spreche ich nicht“.

 

Nun will sie selbst seelisch kranken Menschen helfen. Senta arbeitet inzwischen in einer psychiatrischen Klinik, macht dort eine Krankenschwester-Ausbildung. Ihr vorheriger Berufswunsch war der einer Kinderkrankenschwester gewesen. „Aber nach Mamas Tod habe ich es mir anders überlegt“, erzählt sie. „Ich will seelisch kranken Menschen helfen, Menschen wie meinem Vater, die ohne Unterstützung im Leben nicht zurecht kommen. Ich will durch Liebe den Hass in den Herzen von Betroffenen heilen“.

Das Schwurgericht berücksichtigte im Urteil die schwierige psychische Situation von Siegfried Karasch. Es verurteilte ihn nicht wegen Mordes zu lebenslanger Haft, sondern wegen Totschlags zu sechs Jahren Freiheitsstrafe und Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik.

Senta besucht ihren Vater regelmäßig. „Daran wird sich nichts ändern“, hat sie ihm fest versprochen. Denn er lebte in der Angst, dass ihn sein Kind fallen lässt – wie alle anderen früheren Freunde, Nachbarn und Bekannten.

 

Senta: „Ich verdamme meinen Papa nicht für das, was er getan hat. Er soll wissen, dass er bei mir leben kann, wenn er einmal frei kommt. Ich kann ihn nicht hassen! Er ist und bleibt mein Vater, auch wenn er mir Mutti genommen hat“.

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