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Artikel ‘Jugendarrestanstalt’

„Kommen Sie gut nach Hause – und dass wir uns nie wiedersehen!“ Lächelnd winkten 2 Wachtmeisterinnen und 2 Männer vom Gefängnispersonal der hübschen Katharina Siemoneit (17) hinterher. Mit ihren Blicken verfolgten sie die, bis sie links um die Ecke der 5 Meter hohen, mit Stacheldraht zusätzlich gesicherten Mauer verschwunden war.

Seelenruhig spazierte die wegen Seriendiebstählen 8 Monate inhaftiert gewesene schlanke Frau Richtung Innenstadt, einen schweren Rollikoffer hinter sich herziehend.

Ja ja, der Koffer! Der hatte es in sich.

Die 17 jährige Mutter (!) von 2 Kindern, Dennis (1) und Laila (2), konnte sich das Lachen nicht verkneifen. „Bist du ok?“ wandte sie sich fragend an eine unsichtbare Person und drehte den Kopf halb nach hinten. Eine Frauenstimme aus dem Koffer meldete sich und antwortete: „Mensch Kathi, das hast du toll gemacht!“

„Es gibt nun wirklich Schlimmeres“. Mit diesen Worten leitete der Amtsrichter sein Urteil gegen die Angeklagte ein, die wie ein Häufchen Elend neben ihrem Verteidiger saß. „Oh Gott, nicht schon wieder ins Gefängnis“, flüsterte sie dem Anwalt ins Ohr.

So ganz ohne gesiebte Luft kam Katharina freilich nicht davon. 2 Wochenenden Freizeitarrest wegen Gefangenenbefreiung kriegte sie aufgebrummt. Und das auch wohl nur, weil sie die Justiz zur Lachnummer herabgewürdigt und bis auf die Knochen blamiert hatte.

3 Stunden vor der Urteilsverkündung, sichtlich nervös, betrat Katharina versteckt hinter ihrem Fürsprecher den Gerichtssaal. Mit knetenden Händen und wippenden Füßen hörte sie sich die Geschichte des Staatsanwalts an. Schon da kicherten die Zuhörer still vor sich hin. Was sie zu hören bekamen, war aber auch echt ein paar Lachsalven wert:

„Katharina Siemoneit wird angeklagt, ihre Mitinsassin aus der Jugendarrestanstalt in einem Koffer in die Freiheit transportiert zu haben. Sie hat sich der Gefangenenbefreiung schuldig gemacht. Nach § 120 Strafgesetzbuch wird dieses Delikt mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“.

Leise, kaum hörbar, schilderte Katharina die Umstände, die sie ins Gefängnis brachten: „In der Realschule verliebte ich mich in Claudius. Der war so alt wie ich, ein Draufgänger. Nein, nein, ich gebe ihm nicht die Schuld an meinen Schwangerschaften, da will ich ganz ehrlich sein. Ich war mit 13 selbst scharf auf ihn und konnte mir ein Leben mit ihm gut vorstellen. Ich war 14, da wurde ich das erste Mal schwanger. Eine Abtreibung kam weder für uns, noch für unsere Eltern in Frage.

 

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Mit finanzieller Unterstützung der 2 Mamas sowie mit Papis Erlaubnis und der Genehmigung des Jugendamtes zogen wir zusammen. Anfangs lief alles gut, nach Laila bekam ich noch Dennis. Windeln wechseln und ständiges Kindergeschrei waren aber nichts für meinen Freund.

Er haute ab. Da saß ich nun als Schülerin mit 2 Kindern. Für mich eine Schmach und Schande, die sich keiner vorstellen kann. Ich war zum Gespött aller Gleichaltrigen geworden.“

Ihre Eltern um noch mehr Geld anbetteln? Die bezahlten schon die Miete und Nebenkosten für die kleine Wohnung. Nein, kam nicht in Frage! Also fing sie an zu klauen, um sich, Sohn und Tochter über die Runden zu bringen. An Diebesgut ließ sie nur mitgehen, was sie für’s tägliche Überleben brauchte: Brot, Tee, Marmelade, Milch, Joghurt, Zucker, Mehl, mal ein Päckchen Käse oder abgepackten Schinken, Margarine, Puten- und Hühnerfleisch. Sie wurde ertappt, ermahnt, verwarnt.

 

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Sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr in den heimischen Supermärkten und Einzelhandelsgeschäften blicken lassen. Als „Brathähnchenklauerin“ war sie beim Personal berüchtigt und berühmt. Kurzerhand verlegte die Mundräuberin ihr Arbeitsgebiet nach außerhalb. Dort war sie so lange erfolgreich, bis sie sich erneut als „Regalplünderin“ und „Tiefkühltruhenmutti“ einen zweifelhaften Namen „erarbeitet“ hatte. Und erwischt wurde.

Ihre 2 kleinen Kinder schützten Katharina nicht vor Bestrafung. Dennis und Laila kamen zur Oma, die 17jährige Mama für 8 Monate ins Jugendgefängnis.

„Dort freundete ich mich mit der gleichaltrigen Maria-Elisabeth an, die wegen ähnlicher Sachen 2 Monate länger brummen musste. Ohne mich wollte die aber nicht im Kittchen bleiben. Sie bettelte so lieb und herzerweichend, dass ich mich überreden ließ, sie aus Mitleid auf abenteuerliche Weise nach draußen zu schaffen“, beichtete die Kofferschmugglerin im Gerichtssaal.

 

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Eine Woche vor dem Entlassungstag kaufte Katharina einer anderen Mitgefangenen deren 4-räderigen Reisebehälter ab. „Der war groß und stabil. Maria und ich hatten nun eine Woche Zeit für’s Üben. Wir montierten Bleche aus dem Kofferinnenraum, zogen Stabilisierungsstangen raus und schnitten mit einer Schere Luftlöcher hinein“, schilderte Katharina www.boulevard-buende.de die Vorbereitungen für die einzigartige Gefangenenbefreiung.

 

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„Anfangs tat sich meine Freundin schwer mit dem Zusammenkrümmen. Aber nach ein paar Trainingsstunden in meiner Zelle klappte das am Ende ganz gut. Es ist wirklich alles reine Übungssache“.

24 (!) Treppenstufen aus der oberen Gefängnis-Etage musste Kofferschlepperin Katharina auf dem Weg in die Freiheit überwinden, um in den Anstaltshof zu gelangen. Dort ging es noch 53 Schritte weiter mit zittrigen Knien bis zum Tor.

„Die Umrisse der im Koffer hockenden Freundin hatte ich kunstvoll mit Wäsche ausgepolstert und so die auffälligen Konturen schön vertuscht“, gestand sie dem Strafrichter.

„Ist denn niemand vom Wachpersonal auf den Gedanken gekommen, Ihren Koffer zu kontrollieren?“ wunderte der sich. „Nein, gecheckt worden bin ich nicht. Aber zwei hilfsbereite Männer in der Zentrale fragten mich, ob sie mir beim Tragen des schweren Koffers helfen sollten. Da wurde mir ganz heiß und schummerig. Bevor ich antworten konnte, standen die schon neben mir. Ich hab’ gestottert, nein, nein, das schaff’ ich schon alleine“.

Bei dieser Schilderung konnten sich die Lacher im Gerichtssaal nicht mehr zurückhalten. Der Richter ließ sie gewähren, denn er konnte sich selbst ein kopfschüttelndes Schmunzeln nicht verkneifen.

 

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Der Staatsanwalt beantragte 14 Tage Dauerarrest mit der Empfehlung, „der jungen Dame doch bitte nur leichtes Handgepäck mit auf den Weg in die Haftanstalt zu erlauben“.

Der Verteidiger bat um Nachsicht: „Das Gefängnispersonal hat der Angeklagten die Tat sehr leicht gemacht“.

Das Urteil, 2 Wochenenden Freizeitarrest, nahm Katharina erleichtert entgegen.

Die 96 Stunden muss sie allerdings in einem anderen Gefängnis absitzen als die von ihr befreite Maria-Elisabeth Purk (17). Die bekam einen Monat Haft aufgebrummt „wegen Anstiftung zur Gefangenenbefreiung“.

 

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