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Artikel ‘Für Mord-Gedenkstätte Mordhaus abgerissen’

Der Ostwind scheucht die gekräuselten Blätter einer Blutbuche über’s holprige Straßenpflaster des 148 Einwohner – Dorfes, bis sie sich in einer Hausecke verfangen und zu einem braunen Berg auftürmen. Das Rascheln von Laub ebbt ab. Nur der Wind ist noch zu hören. Vom Verkehrslärm der 16,05 km entfernten A2 Bielefeld – Hannover – Berlin  dringt kein Laut herüber. Stille liegt über dem Ort, Totenstille.

Selten verirrt sich ein Autofahrer in das Nest. „Gut ist das“, sind sich die Dörfler einig, die Deutschlands einzigartigste Gedenkstätte pflegen. Mitten im Dorf, auf dem großen, schönsten Platz, erinnert sie an die nur 20 Jahre alt gewordene Physiotherapeutin Anja. Die wurde an dieser Stelle im Pferdestall des Nachbarn ermordet.

Nach der Tat geschah etwas Einmaliges.  Die Opfereltern kauften das Mordhaus, ließen es abreißen und die Trümmer weit weg aus dem Dorf hinaus transportieren. Alles wurde platt gemacht. Jetzt gibt es hier ein Denkmal für ein ermordetes Kind!

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Anja kam nach dem Besuch einer Disko, 9 Nächte vor dem Frühlingsanfang, nicht mehr nach Hause. 47 Kriminalisten ermittelten, vernahmen Verdächtige, befragten Zeugen, werteten Aussagen, Hinweise, Spuren aus. 15 lange Tage hofften die Eltern, ihre Tochter lebend wiederzusehen. Dann entdeckte ein Spaziergänger die unbekleidete Leiche einer jungen Frau, vier Meter vom Ufer entfernt im Wasser eines Angelteichs. Es war Anja! Der Fischteich liegt 5,3 Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt.

7 Tage später schmückten 51 Kränze das Grab der Getöteten. Polizeibeamte in Zivil beobachteten die Trauergäste. 20.000,- EURO Belohnung waren ausgesetzt. Im Dorf ging die Angst um: „Es war doch wohl keiner von uns?“ Schnell waren sich alle über jeden falschen Verdacht einig: „Hier kennt jeder jeden, es muss ein Fremder gewesen sein“.

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Da waren die Ermittler nach den ersten Fahndungs-Fehlschlägen nicht mehr so sicher. Vernehmungen der Diskobesucher – Fehlanzeige! Anhörung von Anjas Freund – kein Verdacht! Woher nahm der Chef der Mordkommission dann trotzdem seine Zuversicht: „Wir werden den Täter bald fassen“.

Das letzte Lebenszeichen hatte die 20jährige von ihrem Handy gesandt: „Ich fahre jetzt nach Hause“, schrieb sie eine SMS an einen Bekannten. Auf dem Parkplatz der Disko, nahe des Bahnhofs, stieg sie in ihren silbernen Mitsubishi Colt. Bis nach  Hause waren es 15 km. Im Hof ihres Elternhauses stellte sie den PKW ab, verschloss ihn.

Die Postbotin fand am nächsten Morgen Anjas schwarze Geldbörse auf der Straße. Ein Zufall half der Kripo weiter.

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Nach einem Einbruch viele Monate zuvor in ein Einfamilienhaus waren die Dorfbewohner und die der umliegenden Ortschaften zu einer freiwilligen Speichelprobe aufgerufen worden. Auch Sven Bamberger ging hin. Was sollte ihm schon passieren? Am Einbruch war er nicht beteiligt! Aber seine Speichelprobe passte zu was anderem – zu den hinterlassenen Samenspuren bei einer vergewaltigten 58jährigen. Der Frau waren bei der Tat die Hände gefesselt worden.

Ermittler rückten zur Durchsuchung des geduckten grauen Bamberger-Hauses an. Versteckt im Pferdestall fanden sie Anjas Slip! Und noch etwas anderes: Die am rechten Hand- und Fußgelenk von Anjas Leiche angebundenen Ziegelsteine waren mit dem selben 3 Finger breiten Band verknotet, wie die Fesseln am Vergewaltigungsopfer Felizitas Eilers 9 Monate vor Anjas Tod.

Im Prozess schwieg Anjas Mörder. Durch den Rechtsmediziner wurde bekannt, dass die 20jährige von ihrem Killer von hinten angefallen, im Würgegriff über die Straße in den 20 Schritte entfernten Pferdestall geschleift, gequält, vergewaltigt und erwürgt worden war. Sven Bamberger wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Danach kam die Familie des Mörders nicht mehr zur Ruhe. In dem einst so friedlichen Ort wuchs der Hass auf Mutter und Geschwister. Farbbeutel flogen aufs Dach. „Mörder-Pack raus!“ wurde mit blauer Farbe ans Hoftor gesprüht. Drohungen, auf Papier geschrieben, wurden an die Fenster geklebt. „Eure Zeit ist abgelaufen“, stand da drauf.

Wann genau Christine Bamberger (56) das Haus des verstorbenen Dorfsattlers gleich neben dem Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr verlassen hat, ist unbekannt. Die Rollläden an den Fenstern wurden nicht mehr hochgezogen.

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Den stattlichen Besitz mit nicht einsehbarem Innenhof und Stallungen erwarb der Hufschmied und Landwirtsgehilfe Hans-Joachim Bamberger, als er noch im Nachbardorf lebte. Mit Christine, seiner 2. Frau, die Sven mit in die Ehe brachte, war er dann hergezogen. Die ehemalige Magd bekam noch 2 Kinder, die sie seit dem Herzinfarkt – Tod ihres Mannes 2 Jahre vor Anjas Ermordung alleinerziehend betreut.

„Für uns war der Anblick des Tatortes unerträglich“, erzählt Anjas Vater Hagen (52). „ Immer, wenn wir unser Haus verließen, blickten wir auf das Gebäude, in dem unsere Tochter starb. Wir wohnen schräg gegenüber, Dorfstraße  Nr. 34. Im Haus Nr. 39 starb unser Kind“.

Für ihn gab es deshalb nur ein Ziel: Er wollte das Mordhaus besitzen, um es dann verschwinden zu lassen.  Nur so würden seine und die gepeinigte Seele seiner Frau Sylvia (44) Frieden finden können.

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Das war leichter geplant als getan. Die Gebäude gehörten der Killer-Mutter.  Von der musste er das Grundstück kaufen. Wenn er das schaffte, was würde der Gemeinderat zu dem Vorhaben sagen? Zweifellos würde mit dem Abriss das Landschaftsbild entscheidend verändert, eine tiefe Wunde in die gewachsene Dorfmitte gerissen. Anjas Eltern gehören dem Gemeinderat nicht an. Sie konnten ihren Wunsch nicht mit eigener Stimme beeinflussen.

Das war aber auch gar nicht notwendig! Denn als diejenigen, die das Sagen im Mord-Dorf haben, vom Plan der Opfer-Eltern hörten, waren sie einstimmig in der Ratssitzung dafür! Alle hatten Verständnis für die Eltern, die sagten: „Den alten Pferdestall mit dem Heuboden haben wir ständig vor Augen. Ob wir aus dem Fenster gucken, aus dem Haus gehen oder vom Grundstück runter fahren, immer sehen wir dieses grauenvolle Gebäude und denken sofort daran, was dort mit unserer Tochter passiert ist. Der Ort des Schreckens muss verschwinden“.

Anjas Eltern schafften, was sie sich vorgenommen hatten.

Die 40-Tonner brauchten keine Woche, da war der Schandfleck weg. Abrissbagger hatten sich meterweise durch Wohngebäude, Scheunen und Stallungen gefressen, tonnenweise Bauschutt weggeschafft.

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Die gesamten Überreste ließen sie abtransportieren. Kein Stein, kein Balken vom Dachstuhl oder Fachwerk sollten noch an das blutbefleckte Gemäuer erinnern. Auf der 1.200 qm großen Freifläche existiert heute nur noch die einzigartigste deutsche Gedenkstätte für ein ermordetes Kind. So lebt Anja für alle Zeit weiter in Gedanken, Worten und in den Herzen aller Menschen ihres Heimatdorfes.

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