Ihre spektakuläre Zeitung

Meine Schwester führt eine Ehe zu dritt – das finde ich super

Eva Kipp (52) aus Kirchlengern ist von der 8 Jahre jüngeren Kirsten total begeistert:So stark macht nur die Kraft der Liebe! Kirsten (45) hätte es sich sooo einfach machen können, als ihr Mann Holger (58) nach einem Herzinfarkt im November 2002 ins Koma fiel! Ab in ein Heim mit ihm und hoch die Tassen! Ich will leben! Bin erst 37, jetzt laß‘ ich’s krachen! Was schert mich mein Mann, der sowieso nie wieder aufwacht, nach Angaben der Ärzte nicht mehr gesund und in diesem Zustand sterben wird?„Kirsten dachte nie so“, erzählt ihre Schwester Eva tief bewegt und des Lobes voll. „Sie pflegt ihren Holger zu Hause, glücklicherweise nicht mehr allein . Denn 8 Monate nach der Tragödie verliebte sich ein Arbeitskollege ihres Mannes in sie. Seitdem teilt sie Freud und Leid mit 2 Männern“.

256591.jpg

2 Kinder, Dennis (damals 13) und Lesley ( damals 8 ) weinten und waren vor 8 Jahren so verzweifelt wie ihre Mama. Zur Seite stand ihnen in der schweren Zeit Papas bester Freund, Berufsschul-Hausmeister Stefan (40).Nach 8 Monaten geschah’s dann! Kirsten und Stefan wurden ein Liebespaar. Aber: Ist es nicht in höchstem Maße unmoralisch und verwerflich, wenn der Neue mit im Hause wohnt und in einem Zimmer der Ehemann im Wachkoma liegt? Wenn die Ehefrau sagt, sie liebe ihren Mann, aber tatsächlich schläft sie mit dessen bestem Freund?


Kirsten tut genau das! Sie entschloss sich für beide Männer. Dem neuen machte sie klar, dass sie sich niemals für ihn vom Vater ihrer Kinder scheiden lassen würde. Stefan akzeptierte den Entschluss sofort und beweist durch sein Verhalten, was wahre Liebe ist!Aus Liebe trägt er nun die Verantwortung mit für den pflegebedürftigen Partner seiner Frau. Hat ihm sogar gemeinsam mit Kirsten ein Haus gebaut, in dem nun alle glücklich sind.

Ein Kind der Liebe macht alle froh

Fröhlich hüpft ein kleiner Blondschopf durch die gute Stube, zupft an der Tischdecke, rüttelt am Schaukelpferd, riecht an den Blumen in der Vase auf dem Tisch. Seine Augen und Händchen sind überall. „Holli, Holli“, ruft er plötzlich, dreht sich um und nimmt ein Bild aus dem Regal, auf dem ein schnauzbärtiger braungebrannter dunkelhaariger gut aussehender Mann mit blitzweißen Zähnen und einer strahlend schönen blonden Frau im Arm zu sehen ist.Er trägt eine schmucke Fliege, weißes Hemd und Smoking, sie hält in der rechten Hand einen wunderschönen Blumenstrauß, trägt weiße Handschuhe, weißen Schleier, Halsband mit glitzernden Svarowski-Steinchen und ein tief ausgeschnittenes Brautkleid.

„Mama“, deutet Justin Leon (3) auf die lächelnde Frau mit den graugrünen Augen. Und schwupp zeigt sein Finger wieder auf den Mann, „Holli, Holli“, ruft der süße Pfiffikus.Justin Leon ist in dem neu erbauten Haus etwas Besonderes. Genauso wie Holli, der richtig Holger heißt, von dem er ständig spricht. Der niedliche Fratz ist das Kind der Braut auf dem Foto und ihres Lebensgefährten Stefan. Nicht aber Holgers Kind, von dem er so viel redet.Holger liegt in einem abgedunkelten Zimmer in einem Hochbett mit Blick zum Fenster.

                                                                                                                                                                                                                      Anzeige

11.jpg

Täglich bekommt der Wachkomapatient Besuch nicht nur von Justin, sondern auch von seinen eigenen Kindern Dennis und Lesley. Sie sprechen mit dem Papa, streicheln ihm liebevoll das Gesicht, über die Stirn, zupfen an seinen Haaren, reden mit ihm über das, was sie am Tag erlebt haben. Die Tochter in der 9. Hauptschulklasse, der Sohn in seiner Ausbildung zum Security-Mann.

256592.jpg

„Keiner von uns läuft hier traurig durch’s Haus“, erklärt Kirsten, die abwechselnd mit Stefan rund um die Uhr Krankenpflegerin für ihren Ehemann ist. Früher war sie Filialleiterin eines Kaffee-Shops. „Das Leben geht weiter, auch für unseren Papa“, erklärt Dennis. Und Lesley meint: „Unser Vater hat doch alles, wir sind um ihn besorgt, schenken ihm unser Herz, unsere Zuwendung. Immer wenn wir Sehnsucht nach ihm haben, betreten wir sein Zimmer und sprechen mit ihm“.So wie die 2 leiblichen Kinder und die Ehefrau sorgt sich auch Stefan um den Pflegefall. Er schüttelt das Kopfkissen auf, bezieht das Bett frisch, saugt Schleim ab, damit Holger nicht erstickt. Er liest seiner Kirsten jeden Wunsch von den Lippen ab, sobald er Feierabend hat und heim kommt in ein Zuhause, das er gemeinsam mit seiner Freundin erschaffen hat.

 „Wir haben dieses Haus mit unseren eigenen Händen errichtet“, erklärt Kirsten. „Die Schwerarbeit übernahm Stefan, Platten verlegen, Zementsäcke schleppen, Beton in der Schubkarre rumfahren, Stein auf Stein hoch wuchten und aufmauern. Er war der Mann fürs Grobe, ich die Frau fürs Feine. Ich habe mit den Kindern jeden Abend die Baustelle sauber gemacht, Essen gekocht, und die 1000 Kleinigkeiten erledigt, die anfallen, wenn man ein Haus baut“.

                                                                                                                                                                                                                                                    Anzeige

1.jpg

Geplant und hingestellt wurde es für Pflegefall Holger, ebenerdig, pflegeleicht, behindertengerecht. „Wir anderen hätten auch bequem in unserer Mietwohnung weiter leben können“, erklärt Stefan. „Wir benötigten kein Haus“.Sie wohnten immer zur Miete. „Das war weniger Arbeit, Essen kochen, staubsaugen, Wäsche wegbügeln, Tür zu“, weiß Kirsten.Sie und Holger lernten sich ’87 im Bekanntenkreis kennen. Heirat 1993, da war Dennis schon 4 Jahre alt, Lesley kam 1 Jahr später zur Welt. Alles verlief wie geplant und wunderschön, die Eltern hatten mit ihren Kindern viel Freude.

Die Vermieterin warf den ‚Komatoten‘ raus

Abruptes Ende dann am 21.11.’02. Kurz nach der Mittagspause um 13.31 Uhr kippt Holger im Karteiraum beim wegpacken von Akten um, fällt längs hin wie ein Baum. Eine Arbeitskollegin hört einen dumpfen Aufprall, ruft: „Mensch Junge, halt die Akten fest!“ Keine Antwort, die Frau schaut nach und findet den Familienvater bewußtlos auf dem Boden liegen. Notarzt, Klinik, der von einem Herzinfarkt umgefällte Mann wacht nicht wieder auf. „Mir erklärte ein Arzt den Zustand damit, dass Holger entweder eine Hirnblutung durch den Infarkt erlitten hatte oder durch den Sturz auf den Boden. Egal wie, er würde für den Rest seines Lebens ein Pflegefall bleiben“, erinnert sich Kirsten an die Tragödie.

Einen Behinderten im Haus? Um Himmelwillen, nein! Für die Vermieterin undenkbar! Die kündigte sofort die Wohnung, begründete das mit Eigenbedarf. Kaum war die Familie ausgezogen, wurde das Gebäude verkauft.

256593.jpg

Frau und Kinder suchten sich eine neue Bleibe, beim Umzug half einer tüchtig mit: Stefan, Holgers bester Freund, der 15 km weiter weg wohnte. Nach dem Umzug besuchte er Kirsten und ihre Kinder regelmäßig, überlegte mit denen, wie es mit Holger weiter gehen sollte. „Diese Mietwohnung ist zu klein, eine größere zu teuer“, hatte Kirsten längst ausgerechnet. „Für das Geld, das ich für die Miete aufbringen muß, kann ich auch ein kleines Häuschen abbezahlen. Was meinst du?“Auf einmal war Stefan in die familiären Überlegungen und Entscheidungen mit eingebunden. Früher konnte Kirsten Holger fragen – jetzt nicht mehr. Auf einmal mußte sie alles selbst entscheiden, mußte beurteilen, was gut oder schlecht für sie und die Kinder war.Ein lauschiger Spätsommerabend brachte die Wende. „Es war eine halbe Stunde vor Mitternacht“, erzählt Kirsten, „ich hatte als Dankeschön für seine Mithilfe beim Umzug Stefan zum Essen in ein Restaurant eingeladen. Anschließend machten wir noch einen Spaziergang. Wir sahen den Sternenhimmel, setzten uns auf eine Bank und auf einmal zog Stefan mich an sich, nahm mein Gesicht in beide Hände, küßte mich.Ich erwiderte die Zärtlichkeit, hatte Schmetterlinge im Bauch. Aber nach knapp 1 Minute innigster Hingabe löste ich mich von ihm und dachte, ‚was habe ich getan? Darf ich das überhaupt, 2 Männer lieben?‘ Andererseits erfüllte mich das Gefühl, dass ich jemanden gefunden hatte, an den ich mich anlehnen und dem ich mein Herz ausschütten konnte“.


Händchenhaltend gingen sie zum Parkplatz. Stefan fuhr sie nach Hause, das war’s für diese Nacht. Aufgeregt ging sie zu Bett, lag lange wach und dachte: „Es ist mir egal, was die Leute denken, Stefan ist mir wichtig. Aber auch, was die Kinder denken“.Am nächsten Sonntag machten sie zu viert einen Ausflug, auf dem sich Stefan rührend um Dennis und Lesley kümmerte. „Wir verlebten ein paar schöne Stunden“, berichtet Kirsten. „Kaum wieder zu Hause, setzten wir uns alle ins Wohnzimmer und ich fragte meinen Sohn und meine Tochter, was denn wäre, wenn Stefan und ich ein Paar würden. Der Älteste antwortete, er fände es gut. „Wenn du glücklich bist, Mama, sind wir auch glücklich“. Die Tochter nickte, sah Stefan sowieso schon als Vaterersatz an. „Ich komme mit ihm glänzend klar“.

Drei Monate lernten beide Krankenpflege

Da beschlossen Kirsten und Stefan: „Wir bauen für Holger ein Haus mit einem wunderschönen geräumigen Pflegezimmer“. Es wurde gerechnet, gezeichnet, hin- und her überlegt, Angebote eingeholt, verworfen, neue angefordert. „Eine aufregende Zeit“, lächelt Stefan.Mittendrin in dieser Phase wurde Kirsten schwanger.  Da war sie wieder, die bohrende Frage, was würden die Nachbarn denken, was die Verwandtschaft sagen, vor allem Eva, ihre Schwester? Um allem Gequatsche aus dem Weg zu gehen, was wäre mit Abtreibung?

256594.jpg

Kaum war dieser Gedanke durch Kirstens Hirn gezuckt, wischte sie ihn auch schon mit einer ärgerlichen Handbewegung weg. „Das ist kein Thema für mich“. Ganz wichtig war ihr, wie die Kinder darüber dachten.„Ich konfrontierte sie damit“, erzählt Kirsten. „Aber meine Befürchtungen bewahrheiteten sich Gott sei Dank nicht. Dennis und Lesley akzeptierten ihr Geschwisterchen. Heute will keiner von beiden Justin Leon missen, wir alle lieben den Sonnenschein unseres Lebens. Er hat das Strahlen wieder in unsere Herzen gebracht. Damals, als unser Papa zum Pflegefall wurde, ging die Sonne für uns unter“.Das erste, was Justin Leon morgens nach dem Aufstehen tut: „Er flitzt aus dem Bett, läuft rüber zum Krankenzimmer, stößt mit einem schrillen ‚Guten Morgen, Holli‘, die Tür auf, streichelt und küßt meinen Mann“, freut sich Kirsten und erlebt daran, dass ihre Entscheidung richtig war, mit Ehemann und Freund unter einem Dach zu wohnen. „Als ich mich für Stefan entschied, war es eine Herzensangelegenheit, dass mein Mann bei uns bleibt. Ich wollte ihn zu Hause pflegen. Wer mich mag, muss auch Holger mögen. Dennis und Lesley sollten ihren Vater niemals in einem Pflegeheim besuchen müssen“.

                                                                                                                                                                                                                                                    Anzeige

12.jpg


Wie schaffen es Ehefrau und Lebensgefährte, diese verantwortungsvolle schwere Aufgabe 24 Stunden lang zu meistern?„Ich lebte mit Kirsten zur Vorbereitung auf die häusliche Pflege 3 Monate in einer Behinderteneinrichtung für Wachkoma – Patienten in der Nähe von Köln. Da wurden uns alle Handgriffe beigebracht, die notwendig sind im täglichen Umgang mit so einem Pflegefall wie es Holger ist“, erklärt Stefan.

War es für Kirsten eine schwere psychische Belastung, ein Haus mit dem neuen Freund zu bauen, mit ihm und dem Ehemann einzuziehen? Holger darin zu pflegen und von dem anderen ein Kind zu bekommen?„Ich habe mich für’s weiterleben entschlossen“, erklärt Kirsten mit fester Stimme. „Es gibt keinen Grund für mich, auf Liebe und Sexualität zu verzichten, nur weil mein Mann verunglückt ist und nach ärztlicher Erkenntnis niemals wieder gesund werden kann. Wo steht, dass es unmoralisch ist, sich einem neuen Mann zuzuwenden? Ihn zu lieben, von ihm ein Kind zu haben?

Es ist keine Sünde, da bin ich sicher, meinen Ehemann nicht im Stich zu lassen und Stefan lieb zu haben. Als das Unglück im November ’02 passierte, hätte ich danach nie geglaubt, dass es für mich je einen neuen Parnter geben könnte. Wer will so viel Verantwortung tragen, eine Frau mit 2 Kindern und einem Koma-Mann nehmen?“Stefan machte Kirsten Mut, sich so zu entscheiden, wie sie es getan hat, beide Männer zu lieben, jeden auf andere Weise.

256595.jpg

Auch er ist sicher, dass sein Entschluss richtig war. „Ich habe eine wunderbare Frau gefunden, für die Treue kein Fremdwort ist. Ich bin stolz auf Kirsten, weil sie ernst nimmt, was sie verspricht. Ihrem Ehemann versprach sie vorm Traualtar, bei ihm zu bleiben in guten wie in schlechten Zeiten, bis das der Tod sie scheidet“.„So einen Mann muss eine Frau erst mal finden“, sagt anerkennend Kirstens Schwester Eva.

„Der Stefan hätte doch längst tschüß sagen und Kirsten verlassen können. Keiner würde es ihm übel nehmen. Seine Stärke macht auch meine Schwester stark. Ohne Stefan hätte sie das nicht geschafft, was beide hinter sich haben und jeden Tag aufs neue fertig bringen!“Eva Kipp weiß, wovon sie spricht. Sie lag selbst im Koma nach einem unverschuldeten spektakulären Autounfall auf dem Weg zum Campingplatz an die Weser. „Zum Glück war ich nur 6 Wochen besinnungslos, dann bin ich mit gebrochenen Knochen und zersplitterten Gelenken wieder aufgewacht. Meine Lunge war durchlöchert wie ein Sieb, zerknackte Rippen hatten sie durchstoßen. Dass ich lebe, verdanke ich Bad Oeynhausener Ärzten. Die holten mich mit einem Luftröhrenschnitt aus dem Jenseits zurück“.

Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod erschien Eva wie im Traum plötzlich Schwester Kirsten mit Ehemann Holger neben ihrem Krankenbett. Aber sie träumte nicht, die beiden waren tatsächlich aus dem Urlaub von Mallorca hergeflogen, um Eva Mut zu machen. „Kirsten mit gebrochenem rechten Bein, beide braungebrannt und lebensfroh“, erinnert Eva sich dankbar. Sie streichelten mich und sagten zu mir, laß dich nicht unterkriegen, alles wird gut“.Es wurde alles wieder gut. „Damals ahnten wir alle natürlich nicht, dass das Schicksal auch noch Kirsten heimsuchen würde. Aber dank Stefan hat sie ihr Leben fest im Griff“, freut sich Eva Kipp.

256596.jpg