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Irrer Nachbarschaftsstreit, weil der einzige Sohn nach dem plötzlichen Tod des Vaters nicht mehr bei Mama bleiben wollte und gegen deren Willen heiratete, gilt seitdem „Durchfahrt verboten!“

Wer die Hochzeitsfotos sieht, schüttelt den Kopf. Neben dem glücklichen Hochzeitspaar Claudia Melzer (46) aus Bielefeld und Ulrich Pankoke (50) aus Spenge (NRW) steht eine ältere Dame mit eisigem Blick. Das Gesicht ohne Regung. Wie in Stein gemeißelt. Das ist Hanna, die Mutter des Bräutigams. Sie weiß, den Kampf, ihn im „Hotel Mama“ als Dauergast einquartieren, beaufsichtigen, drangsalieren und versklaven zu können, hat sie verloren. Ihr Sohn gehört jetzt einer anderen. Was für ein herber Verlust, was für eine Niederlage! Der Junge kennt echt kein Mitleid. Wo sie doch 31 Jahre vorher ihren Mann Heinz (51), seinen geliebten Papa, nach einem Verkehrsunfall beerdigen musste.

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„Die Heirat hat sie mir nie verziehen“, sagt der Verwaltungsangestellte beim Finanzamt Herford über seine seit dem Hochzeitstag nur noch Hass schürende Mutter. „Wir wohnen im selben Haus, das meine Mutter und ich zu gleichen Teilen erbten. Aber wir benutzen nicht denselben Zugang. Meine Frau und ich gehen durch die Haustür und die 22stufige Treppe hoch. Sie schleicht durch die große Deelentür links am Haus in ihre Parterrewohnung“.

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Wenn wir uns trotzdem mal über den Weg laufen, grüßt die böse Schwiegermutter nicht. Geht stumm mit Todesverachtung an uns vorbei“, erzählt die Schwiegertochter. Ulrich ergänzt mit verständnisloser Miene: „Fehlt nur noch, dass sie uns ins Gesicht spuckt“.

Für Hanna Pankoke traf es sich gut, dass ein halbes Jahr vor dem Tod ihres Mannes im Nachbarhaus Günter Diekmann (51) gestorben war. Der hatte sich aus Scham über eine Alkoholfahrt, nach der er seinen Führerschein verloren hatte, in der Scheune neben dem Wohnhaus erhängt. Witwe Hannelore (79) weinte an seinem Grab im Frühjahr 1980. Sechs Monate später starb Heinz Pankoke im Krankenhaus. Er war mit seinem PKW auf der Werther Straße in Lenzinghausen gegen einen Baum geprallt. Witwe Hanna und Halbwaise Ulrich schworen sich, das Leben fortan so gut es ging zu meistern, sich gegenseitig Halt und Trost zu geben.

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Aber die Mutter beäugte ihren Sohn wie eine Glucke. Sie versklavte ihn, er war ihr Knecht. „Die befahl mir, dieses zu tun und jenes zu unterlassen“, erzählt der 50jährige. „Claudia und ich wären längst fortgezogen. Aber ich flüchte nicht von meiner Heimatscholle! Mein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn ich sein Erbe, sein Elternhaus verlassen würde, 1825 erbaut, das er mit Herzblut, eigener Schaffenskraft und nach seinen finanziellen Möglichkeiten renovierte, modernisierte und instand hielt. Ihm zuliebe halte ich durch“.

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Dieses in Ehren halten ist eine beinahe unerträgliche psychische und physische Last, die Ulrich und Claudia durchs Leben schleppen. Die Witwe unter ihnen und die von nebenan verstehen sich nämlich prächtig. Der Tod ihrer Männer hat sie zusammengeschweißt zu einem Herz und einer Seele. Sie treffen sich regelmäßig zum Kaffeeklatsch. Da wird geschnattert und gehetzt, aufgewiegelt und Unruhe gestiftet. Scharf gemacht und denunziert. Verleumdet und gehickhackt.

Ach, was war die Hannelore doch für eine nette Trösterin, als sich Hanna über die Hochzeit ihres Sohnes Ulrich echauffierte! Nach dem Motto: „Was brauchste den Sohn, du hast doch mich!“, schaukelten sie sich hoch. Was dabei herausgekommen ist, landete als Schlammschlacht im Amtsgericht Herford (Az.: 12 C 551/10). Die stellvertretende Direktorin Jutta Wietfeld-Rinne (60) muss sich damit seit dem 23.04.’10 rumplagen. Und schiebt die Akte dieses Nachbarschaftswahnsinns am liebsten vor sich her.

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Es geht darin um „Durchfahrt verboten!“ Darum, dass der widerspenstige, nicht nach der Pfeife seiner Muter tanzende Sohn ja nicht auf den Gedanken kommt, in seinem PKW die 50 Meter bis vor seine Haustür zu fahren.

Wie eine Detektivin wacht Hannelore Diekmann tagsüber als Späherin hinter zugezogenen Gardinen in ihrem Haus „Am Schürhof“ Nr. 47 darüber, dass nur ihre Freundin Hanna im dahinter liegenden Haus „Am Schürhof“ Nr. 45 Autobesuch empfängt – auf keinen Fall der Junior! Für den und dessen Frau Claudia gilt – und nur für sie – das an der einzigen Zufahrt zu beiden Grundstücken aufgestellte Schild: „Privatgrundstück – Durchfahrt verboten“.

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Ulrich Pankoke ist fassungslos: „Es ging los, als ich Claudia kennenlernte. Wollte ich weg zum Rendezvous, versuchte meine Mutter das zu verhindern. ‚Nein, du bleibst hier. Ich brauche deine Hilfe’. Als ich heiraten wollte, befahl sie mir, ‚Nein, du heiratest nicht. Die schon gar nicht! Dein Platz ist bei mir’. Nach dem Tod meines Vaters verbot sie mir, in Urlaub zu fahren, ‚Wen habe ich denn noch? Nur dich’. So ging das Tag für Tag, Jahr für Jahr“.

Aber: Hanna Pankoke musste zu ihrem Entsetzen erkennen: „Sie konnte ihren Sohn im „Hotel Mama“ nicht wie einen Hund an die Leine legen und rumkommandieren“, erzählt Claudia. „Nach unserer Hochzeit hatten es Ulrich und ich dann plötzlich nicht mehr nur mit ihr allein, sondern auch noch mit der Witwe von nebenan zu tun. Die Hannelore Diekmann mischte sich ein“.

Das sah dann so aus: Wenn Claudia und Ulrich über’s Wochenende verreisen wollten, hetzte die Alte aus Haus Nr. 47, sie hätten gefälligst zu Hause zu bleiben, den Gemüsegarten in Ordnung zu bringen. Tomaten, Kartoffeln, Salat, Möhren oder Bohnen zu ernten. Ulrich Pankoke: „Natürlich fuhren Claudia und ich weg“.

Das konnten sie bis ins Jahr 2010 so machen. Sie verstauten vor der Haustür ihr Reisegepäck im Kofferraum, und los ging’s! Bis sie eines schönen Tages zurückkamen und mit dem Auto 50 Schritte vor ihrem Grundstück anhalten mussten. „Durchfahrt verboten“ und ein rotweißes Flatterband signalisieren ihnen seitdem, nun ist  Schluss mit lustig! „Wir wurden vor unserem eigenen Haus ausgesperrt“, ereifert sich Ulrich Pankoke.

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Er versuchte es zunächst im Guten. Berief sich auf sein Gewohnheitsrecht. Auch das bewegte die Zusperrer nicht zur Einsicht. Alle Bitten waren vergeblich. Bernd-Horst Deke (41) antwortete ihm. Der ist verheiratet mit Witwe Hannelores Tochter Annette (49). Er betonte, allen sei doch an einem „konfliktfrei nachbarschaftlichen Verhältnis gelegen“. Er verwies die Pankokes aber im selben Atemzug auf „die eigene Zufahrt über den Gemeindeweg“. Die an seinem Schafstall vorbei bleibe gesperrt.

Der „Gemeindeweg“ ist ein Witz! Er führt durch ein Landschaftsschutzgebiet und darf deshalb nicht asphaltiert oder sonst wie befestigt werden. Ein Trampelpfad durch eine Wiese. Ein über 400 Meter weiter Umweg. Eine ganze Sportplatzrunde!

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Die Folgen dieses Adrenalin-Dauerschocks: Krankenwagen oder Feuerwehr dürfen im Notfall über die seit bald 200 Jahren bestehende Zufahrt nicht zum Haus Nr. 45. Möbelanlieferungen sind nicht möglich. Es sei denn, die Möbelpacker schleppen das Mobiliar fast einen halben Kilometer über die von Maulwurfshaufen übersäte Wiese im Landschaftsschutzgebiet. Eingekaufte Lebensmittel müssen die Pankokes vom ebenso weit entfernten Parkplatz zum Wohnhaus schleppen. Bei jedem Wetter, Hagel, Schnee, Regen, Sturm. Ihre Autos stehen unbeaufsichtigt weit weg an der nächst geteerten Straße. „Ein gefundenes Fressen für Demolierer und Diebe“, wird es Claudia Pankoke angst und bange.

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„Wie wir die nächste Öllieferung für unsere Heizung bekommen sollen“, fürchtet Ehemann Ulrich Schlimmes, „wissen wir nicht. Das letzte Tankfahrzeug ließen die netten Nachbarn nicht zu uns durch. Einen so langen Zuleitungsschlauch vom Tankfahrzeug bis zu unserem Einfüllstutzen am Haus, den gibt es leider nicht“. Den schwarzen Saft zum Betrieb ihrer Heizung bekamen sie schließlich nur, weil ihr Anwalt mit einem Polizeieinsatz drohte.

Ein Ende der Streiterei? Nicht in Sicht.

Was sagen Hanna Pankoke und Hannelore Diekmann zu alledem? „Kein Kommentar“, sind sie sich einig. „Das machen die Anwälte und das Gericht“.

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