Ihre spektakuläre Zeitung

Abschied von einem lieben Freund

Viertes Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf das es dir wohlergehe und du lange lebst auf Erden“.
Was heißt das?

Du sollst deine Eltern in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben

Neuntes Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus“.

Was heißt das?

Dass wir unserem Nächsten nicht mit List nach seinem Haus oder Erbe trachten und es mit einem Schein des Rechts oder der Fürsorgevortäuschung an uns bringen.

Eine nicht ganz alltägliche Geschichte über das Erben und Sterben.

Hi, Ewald,

Du warst ein Mann mit Ecken und Kanten und – wie wir nun wissen – recht eigenartigen Verwandten.

Du hast bei Brockfeld & Meyer in Spradow Maschinenbau gelernt, Dich im Laufe der Zeit jedoch ganz woanders hin entfernt.

Du wurdest Erfinder und einer von drei Firmen- Gründungsväter. 

Hast mit Deinen Produkten weltweit Furore gemacht, warst irgendwie nie ein Leisetreter.

Du gönntest Dir Rolex, Porsche, einen Flug mit der Concorde.

Die brachte Dich und Deine Frau in 3 ½ Stunden von Paris nach New York.

Du hast viel erreicht in Deinem Leben. Manches ging allerdings leider auch daneben.

Früh verlorst Du Deine Frau, igeltest Dich anfangs ein in Deinem Bau.

Denn Deine Tochter genoss weit weg ihr Glück. Aus Wuppertal kam sie nicht nach Rödinghausen zurück.

Deshalb verzweifeln? Vereinsamen? Du? Kam nicht in Frage! 

Meistertest mit Reisen diese Deine Psyche schwer belastende Lage.

Durchquertest in der Transsib die UdSSR.

Erlebtest endlose Tundra, den abflusslosen Aralsee, spucktest in Wladiwostok in’s Pazifische Meer.

Du schmiedetest Pläne, wurdest wieder lebenslustig.

Warst nicht mehr traurig, nicht mehr frustig.

Auf einer weiteren Urlaubsfahrt

hielt Fortuna dann eine hübsche Überraschung für Dich parat:

Du trafst Zorica ( =Aurorafalter, auroa: lat. Morgenröte) eine Schmetterlingsart. Sie war zweibeinig, schwarzhaarig, brachte Dich ganz schön in Fahrt.

Ihr beide habt in der Folge das Leben genossen. In der Milchbar auf Norderney zigmal beim Sonnenuntergang hinter Juist auf eure Gesundheit angestoßen.

Ihr feiertet Sylvester in ihrer Wahlheimat Zürich und auf dem See. Vom Feuerwerk taten Dir später richtig die Ohren weh.

Im Sommer am Dümmer habt ihr bei Ausflügen leckeren Fisch gegessen.

Bei Spargel-Bauer Winkelmann in Tonnenheide ebenfalls oft gesessen.

Wir leerten zusammen so manche Flasche von Ferdis „ Williams Lantenhammer“.

Klagten am Morgen danach nicht mal über einen Hauch von Katzenjammer.

Und dann, Ewald, jeden 1. Mai, schauten zum Geburtstag alle Freunde bei Dir vorbei.

Viele Jahre vermissten wir bei dem Festival Dein Kind. Euer Zerwürfnis war offenkundig, wir Gäste waren ja nicht blind!

Plötzlich und unerwartet ging dann alles zu Ende.

Es gab keine Feier mehr 2017 und keine gratulierenden Hände.

Du warst gefällt worden wie ein Eichenbaum.

Wer das miterlebt hat, glaubt es heute noch kaum.

Wo Du doch in jungen Jahren ein knackiger, kerngesunder, erfolgreicher Handballer warst,

und bei der HSG/TuS Spradow von 1900 e. V. den Gegnern das runde Spielgerät nach Herzenlust ins Netz gezimmert hast.

Ausgerechnet Du landetest im Lungenkrebszentrum Ostercappeln. Ärzte und Pflegepersonal bemühten sich redlich, Dich da wieder aufzurappeln.

Zum Schluss kamst Du für Bestrahlungen in die „Harderberg – Klinik“ bei Osnabrück.

Alles vergeblich! Von dort kehrtest Du sterbenskrank nach Haus zurück.

Da lagst Du nun, mit Blick in Deinen gestylten Garten. Genossest die Blumen, hörtest die Vögel, erfreutest Dich über die Vielfalt der Schmetterlingsarten.

Eine davon hatte es Dir besonders angetan:

Dein Aurorafalter kam von Zürich angefahr’n.

Sie hat Dich umsorgt, liebkost, Dir Mut gemacht.

Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht.

Aber sieh mal einer an: in der Stunde der Not,

auf der Schwelle zwischen dem Leben und dem Tod,

tauchte Deine Tochter auf!

Und wie bei einem Marathonlauf

nahm sie nun alles schlagartig in die Hände.

Schaffte mit einem „ich ganz alleine kümmere mich jetzt um Dich“ – Schauspiel auf den letzten Metern Deines Erdendaseins die für sie megageile Wende!

Sie organisierte flugs am Krankenbett einen Notarstermin

und lenkte – großzügig an sich selbst denkend – das Erbe irgendwohin.

Danach, lieber Ewald, solltest Du unbeaufsichtigt von ihr nicht mehr auf krumme Gedanken kommen.

Auf keinen Fall den „letzten Willen“ noch ändern!

Deshalb hat sie Dich gleich mitgenommen.

162 Kilometer bis nach Wuppertal.

Das Verpflanzen Deiner Wurzeln, das Herausreißen aus Deiner Heimat, weg von Deinem Bruder und von Deinen Freunden war ihr – mit Verlaub gesagt – scheißegal.

Du solltest schnell weg, nur weg aus Rödinghausen, denn sie sah im Albtraum trotz Testaments noch ihre Felle sausen.

Den Porsche ließest Du schon hinter ihrem Rücken von Deinem liebsten Nachbarn verkaufen.

Schmälertest so um diesen Gewinn den von ihr auf 1,8 Mille hochgerechneten Vermögenshaufen.

Dein nach außen vor Nächstenliebe triefendes Kind glaubte seit diesem Schock fest an das für sie Böse:

„Wenn der Papa auf den letzten Metern bis zum Grab noch mehr solchen Blödsinn macht, was bleiben mir dann noch für Erlöse?“

Du warst noch putzmunter, da erschien sie wie ein Geist in Deinem Betrieb.

Stellte sich als Deine Nachfolgerin vor nach dem Motto: „Scheffelt weiterhin Pinkepinke, dann habe ich euch alle lieb!“

Herzensguter Freund!

Allen ihm zum Nachteil gereichenden Eventualitäten machte Dein Kind eiskalt den Garaus.

Es flüchtete mit Dir Hals über Kopf aus Deinem Haus.

Das tat es, bevor der schon längst in Wuppertal gestartete Krankenwagen kam,

und sich Erbeverteiler Ewald bis zu dessen Ankunft vielleicht noch was anderes überlegen kann.

Bei dem überhasteten Fortbewegen

„vergaß“ sie Wichtiges für Dein Überleben:

Zwei Schläuche für den Beutel mit Flüssignahrung!

Die sogenannte „Astronautenkost“ brauchtest Du aus ärztlicher Erfahrung.

Deine Tochter rief noch bei Zorica an,

ob sie die Schläuche von Rödinghausen bis Düsseldorf  zum Flieger nach Zürich mitnehmen kann.

„Ich hole sie ab, von Wuppertal ist das ja nicht weit!“ meinte die Vergessliche. „Halt die Dinger bereit!“

Ewald, Du lebtest danach nur noch 24 Stunden.

Hast vor der Gier Deiner Brut jetzt Ruhe und Frieden gefunden.

Der Liegendtransport im Krankenwagen

war von der Hausärztin zwingend vorgeschlagen.

Wer dann trotzdem, wie dieses Kind,

das Risiko eines Selbsttransportes in seinem Volvo aus Erbangst auf sich nimmt,

hat für die Folgen einzustehen.

Anders kann posthume Gerechtigkeit gegenüber dem Opfer nicht aussehen.

Die Staatsanwaltschaft ist wegen fahrlässiger oder vorsätzlicher Tötung noch nicht unterrichtet.

Es bleibt zu hoffen, dass die von Amtswegen die Sterbe – Akten sichtet.

Aber: eine Exhumierung Deiner Leiche wird nichts mehr bringen,

denn im Krematorium hörtest Du die Englein singen.

Was will der Ankläger bei dieser Masche noch finden in einem Häufchen schwarzgrauer Asche?

Auf eine Trauernachricht warteten wir übrigens zeitnah vergeblich.

Na ja, die kostet! Für eine, die über Nacht 1 ¾ fache Millionärin geworden ist, sind 276,32 Euro Aufwand für eine Sterbeanzeige in der Zeitung 135 mm x 95 mm anscheinend erheblich.

Doch da hatten wir, lieber Ewald, die Rechnung ohne Dein in Mathe anscheinend sehr gescheites Kind gemacht.

Das hat – mit einwöchiger Verspätung – doch noch an Dich gedacht!

Es fand heraus – nach einiger Rechnerei – bei 1.750.000,00 Euro minus  276,32 Euro „bleibe ich immer noch sorgenfrei“.

Es veröffentlichte in der „NW“ und „BZ“ eine gleichlautende Traueranzeige.

Was die Öffentlichkeit da allerdings zu lesen bekam, war alles andere als eine Augenweide.

Nicht nur, das der Beerdigungstermin mit einem 4 Wochen alten Datum falsch angegeben worden ist.

Vor allem mit dem übrigen Text führtest Du uns, Ewalds Kind, allen vor Augen, wer Du wirklich bist:

Deines Papas Bruder sowie die langjährige Lebensgefährtin erwähntest Du mit keiner Silbe.

Sag mal ehrlich: was bist Du nur für ein herzloses Gebilde?

Zorica sah man mit übernächtigten, geröteten Augen viele Monate um ihren Liebsten flennen.

Es gehört schon eine gehörige Portion Bosheit dazu, sie und den nächsten Blutsverwandten in den Traueranzeigen nicht zu nennen.

Stattdessen schreibst Du von Ewalds Schaffenskraft

und von seinem erkrankten Lebenssaft.

Vom Schmerz, vor seinem Bett zu steh’n,

dem Leiden hilflos zuzuseh’n.

Ganz ehrlich: diese Floskel geriet doch total daneben!

Weil Ewald nicht litt, sondern im Angesicht des Todes so tat, als würde er noch ewig leben.

Er hat Späße gemacht, er hat gelacht.

Hat sich so gegeben, wie er es immer gemacht.

Er ließ sich weiß Gott gerade kein Leid anseh’n.

Das Einzige, was er vermisst hat, war: um drei Stengel hintereinander zu rauchen, dafür konnte er alleine nicht mehr nach draußen geh’n.

Der Schlusssatz im Inserat, der passt dann freilich wie kaum ein zweiter:

„Hab‘ Dank“ steht da. Gemeint ist: „Für Deinen Fleiß, Papa. Für mich geht das Leben nämlich jetzt viel, viel besser weiter“.

 

Lieber Ewald, alles Gute dort oben!

Und ein sanftes Ruhekissen.

Mal unter uns: „Glaubst Du, Deine Tochter wird Dich hier auf Erden arg vermissen?“

 

 

Heiner Anderson

 

Unser Motto:

Der Wahrheit die Ehre.

Dem Lumpen der Pranger.

Dem Schwachen unsere Hilfe.

 

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