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„Mein Kind ist blind – und ich bin schuld!“

Der Prozess im Amtsgericht war nach zwei Stunden zu Ende. Die meiste Zeit hatte die Angeklagte aus ihrem Leben erzählt. Stockend, mit einfachen Worten, ihrer Bildung angemessen. Als sie fertig war, sah der Richter sie lange an, dann fragte er: „Wie würden Sie eine Mutter bestrafen, wenn die dasselbe gemacht hätte wie Sie, und Sie säßen hier auf meinem Platz?“

Da konnte Alexandra Binnewitt (28) ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Der Richter gab ihr ein Taschentuch. Wartete einen Augenblick, erhob sich dann und sprach: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Angeklagte wird wegen fahrlässiger Körperverletzung zu sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Strafe wird für die Dauer von zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt“.

In der Urteilsbegründung zeigte der Richter große Anteilnahme am Schicksal der rechts von ihm Sitzenden. „Wer durch Fahrlässigkeit die Körperverletzung eines anderen verursacht, wird mit Freiheitsentzug bis zu drei Jahren bestraft. So steht es im Gesetz. Gegen Sie hätte ich sogar wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen durch böswillige Vernachlässigung der Aufsichtspflicht eine Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren verhängen können. Ohne Bewährung. Die ist nur bis zu einer Strafe von zwei Jahren möglich.

Aber“, so fuhr der Richter fort, „über ein gerechtes Urteil musste ich in Ihrem Fall nicht lange nachdenken. Das Leben hat es mit Ihnen nicht gut gemeint. Sie wurden vom Schicksal so hart geprügelt, dass es ungerecht wäre, Sie nun auch noch in’s Gefängnis zu schicken. Gehen Sie zurück zu Ihrem gesunden Kind. Passen Sie gut darauf auf! Christiane braucht Sie. Sie braucht die Liebe ihrer Mutter, wo sie schon keinen Papa mehr hat“.

„Danke“, schluchzte die tränenüberströmte Frau, nahm ihre Korbtasche und verließ den Verhandlungssaal. Die 5 km bis zu ihrem Bauernhaus legte sie so schnell es ging in ihrem Kleinwagen zurück. Ohne unterwegs noch einzukaufen, wie sie das sonst machte. Die Freude über das milde Urteil und die Sehnsucht nach ihrer süßen Kleinen trieben sie heimwärts.

Als sie die Wohnstube betrat, spielte die 3- jährige Christiane mit ihrer Lieblingspuppe. Kämmte ihre Haare und zog ihr die zitronengelben Sommerschühchen mit der blauen Schleife an. Nachbarin Annerose (31), die das Mädchen beaufsichtigte, saß aufgeregt am Tisch. „Und?“ fragte sie ängstlich. „Wie viele Jahre musst du in’s Gefängnis?“

„Gar nicht“, antwortete die Freundin. Dann erzählte sie aufgewühlt von dem „freundlichen Richter, dem ich meine Freiheit zu verdanken habe. Er hatte Mitleid mit mir“.

Anteilnahme am Schmerz und Leid Alexandras haben alle die sie kennen. Wenn sie ihre niedliche Christiane in die Arme schließt, stehen ihr oft die Tränen in den Augen, denn dann denkt sie mehr noch als sonst an ihre beiden anderen Kinder:

An Mario (6), der spastisch gelähmt ist, und in einem Pflegeheim lebt.

An Gabriel (4), um den es ewige Nacht ist. Dessen Zuhause ist ein Blindenheim. „Mein Kind ist blind – und ich bin schuld daran!“ hämmert es in ihrem Kopf, wenn sie die Fotos ihrer Lieben am Küchenschrank ansieht.

Alexandra ist eine Zugereiste, eine Fremde im Ort. Sie wuchs in einer Pflegefamilie an der Nordsee auf. Im Alter von zwei Jahren kam sie dorthin. Ihre Eltern hatten sich scheiden lassen. Weder Mutter noch der Vater wollten das Kind. Jugendamt und Familiengericht schalteten sich ein und bestimmten, wo das Mädchen aufwachsen sollte.

Mit der fünf Jahre älteren Schwester, ebenfalls ein Pflegekind, kam Alexandra „so lala zurecht. Mit vierzehn erfuhr ich, dass die Eltern, die ich mit Mama und Papa ansprach, gar nicht meine richtigen Eltern waren. Das war für mich kein Schock, sondern ich war dankbar für die Ehrlichkeit der beiden. Ihre tiefempfundene Liebe und Herzlichkeit, ihre Rechtschaffenheit und Güte haben mir gutgetan und mich geprägt. Sie kümmerten sich nämlich rührend auch noch um ein behindertes Mädchen in der Nachbarschaft. Um dessen Eltern zu entlasten, holten sie die Achtjährige jeden Nachmittag zu uns“.

Alexandras Berufswunsch stand schnell fest. „Nach dem Hauptschulabschluss wollte ich anderen Kindern, die ohne Elternliebe aufwachsen oder gar keine Eltern mehr haben, zur Seite stehen. Ich wollte ihnen Liebe schenken genauso, wie sie mir bei meinen Pflegeeltern zuteil geworden ist. Schule war mir nicht mehr wichtig. Ich wollte helfen“.

Mit 18 verließ sie Norddeutschland. In einem „Wohn- und Pflegeheim, war ihr die Leitung einer „Wohngruppe für Betreutes Wohnen“ angeboten worden nach entsprechender Ausbildung. Dazu gehörte die Versorgung älterer, auch behinderter Menschen. „Die pflegte ich, kochte für sie, fütterte sie, bastelte mit ihnen und las ihnen aus der Zeitung vor. Die Arbeit erfüllte mich mit großer Freude“.

Auf einem alljährlich stattfindenden Volksfest lernte sie den zwei Jahre älteren Marius kennen. Der war Fassbinder, baute Bierfässer. „Ein toller Mann“, sagt sie. „Damals“, schränkt sie ein“. Heirat nach einem halben Jahr. „Wir bekamen einen Sohn, Mario. Ich wollte nur noch Muter und Hausfrau sein“.

Mit knapp zwei Jahren fingen die Probleme an. Die Mutter beobachtete, „dass Mario anders war als andere Kinder seines Alters. Mit 18 Monaten konnte er noch nicht laufen. Ich ging zum Orthopäden. Die Diagnose war ein Schrecknis. ‚Der ist Spastiker’, meinte der Doktor lapidar. ‚Schau’n Sie mal, der kann nicht auf den Zehenspitzen stehen und nicht gehen’. Er schickte mich mit ihm zur Krankengymnastik“. Mario machte gute Fortschritte.

Alexandra wurde ein zweites Mal schwanger, gebar wieder einen Sohn. Gabriel war gesund und ein fröhliches Kind. „Mein Mann und ich hatten viel Spaß mit ihm. Er lenkte uns ein wenig vom Leid um Mario ab“.

Es passierte an einem brütend heißen Tag im Juli. Alexandra war mit den Jungs allein zuhause, fütterte den Kleinen. Da kroch unbemerkt hinter ihrem Rücken Mario aus dem Kinderzimmer, wo er eben noch artig spielte, zum Herd. Er zog sich an ihm hoch, griff zum Topf mit dem kochend heißen Wasser, und dann war nur noch Panik.

„Ich erlitt fast einen Herzschlag, so schrecklich schrie das Kind“, berichtet die Mutter, die nur einen Gedanken kannte: „Ich musste mit dem schwerstverbrühten Mario sofort in die Klinik. Lange rumtelefonieren und auf den Notarzt warten, kam gar nicht in Frage. ‚Bis der hier ist, bin ich im Krankenhaus’, waren meine Gedanken“.

Hals über Kopf rannte sie mit beiden Kindern zum Auto und brauste los. „Mami kommt gleich wieder“, rief sie Gabriel zu. Nahm den schreienden, strampelnden Mario, schloss die Fahrzeugtür und stürmte in die Notaufnahme. Die Erstversorgung, Erledigung der Formalitäten und Einweisung auf die Station dauerten eine Ewigkeit. Eine gute Stunde. Während der spielte sich im Auto ein Drama ab.

Niemand hörte Gabriel schreien. Niemand sah sein Weinen. Keiner beobachtete, wie er verstummte, apathisch wurde und ohnmächtig zusammensackte. Draußen waren 26 Grad Hitze, die Temperatur im Fahrzeug war auf 52 Grad angestiegen. Gabriel hatte einen Hitzschlag erlitten im Auto, das zum Glutofen geworden war.

„Ich dachte nur an Mario, nicht an Gabriel“, weinte die Mutter im Gerichtssaal. „Als ich zum Fahrzeug zurückkam und sah, was ich angerichtet hatte, nahm ich mein Kind und rannte zum zweiten Mal in’s Krankenhaus.

Marios Brandwunden sind erfolgreich behandelt worden. Wegen seiner Spastik, die von einer Schädigung des Zentralen Nervensystems herrührt, musste ich ihn schweren Herzens in ein Heim geben“.

Und Gabriel? Durch die Überhitzung kam es zu Blutungen im Gehirn aufgrund der Unterversorgung durch Sauerstoff. Der Sehnerv ist zerstört, der Junge erblindete. Die Wiederherstellung der Sehkraft ist nicht möglich. Das Kind lebt in einem Blindenheim. „Er wird nie wieder die Sonne sehen können. Nie mehr seine Spielsachen. Nie mehr das Lächeln seines Vaters“, flüstert Alexandra traurig.

Denn Marius verließ die Familie während der dritten Schwangerschaft seiner Frau. Die Geburt von Tochter Christiane wollte er nicht mehr miterleben.

„Zwei behinderte Kinder sind genug. Wer weiß, welches Unglück uns Kind Nummer drei beschert“, meinte er zynisch. Packte seine Sachen, überließ Alexandra ihrem Schicksal und reichte die Scheidung ein. Unterhalt zahlt er nicht. Angeblich verdient er nur soviel, wie er selbst zum Leben braucht. Gepfändet werden kann nichts bei ihm. Er lebt bei einer neuen Freundin.

„Irgendwie“, glaubt die alleingelassene Alexandra, „komme ich durch’s Leben. Ich bin ja nicht allein, hab’ noch meine Christiane“.

Wenn die im Kindergarten ist, arbeitet sie bei den Menschen, die dankbar sind für ihre Zuwendung in der „Wohngruppe für Betreutes Wohnen“.

Samstags besucht sie Gabriel. Jeden Sonntag Mario.

 

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